Es kursiert ja gerne das Gerücht, Blogger sind keine Journalisten – klar, die meisten Merkmale für Journalisten treffen nicht für Blogger zu.
Angeblich dürfen ja Blogger demnach auch alles Schreiben, man muss nur das Wort „persönlich“ dazusetzen und schon ist der Freibrief aufgesetzt für das Verbreiten jeder Ansicht, jeder Meinung und jedes Kommentars, weil praktisch mit dem Wort „persönlich“ schon das „Wahrhaftige“ der Wortmeldung ausreichend abgedeckt ist. Denn es ist ja nur die persönliche Wortmeldung.
Egal ob man französische Ausländerpolitik näher kennt, die verschiedenen Richtungen des politischen und religiösen Islams, historische Kenntnisse und Zusammenhänge man noch nicht mal bei Wikipedia nachschaut, Ausländerdiskriminierung nur aus dem Fernseher kennt und den Feminismus mit dem Streit verwechselt wer den Müll runterbringen soll, alle werden zu Experten, Meinungsexperten…
Natürlich mag man einfügen, was solls, welche Rolle spielt schon die Verbreitung von Stammtischparolen im Internet – wie viele Blogs gibt es den schon, die von einer breiten Masse wahrgenommen werden. Aber darum kann es doch nicht gehen. Selbstverständlich ist jeder kleine Blog nur ein Fitzelchenbeitrag zur öffentlichen Meinungsbildung und zur politischen Stimmung – aber es ist ein öffentlicher Beitrag, der, so klein er auch sein mag, Wirkung hat. Ein Beitrag der nicht einfach wie das gesprochene Wort am Stammtisch verfliegt, sondern als Stimmungsbarometer tagtäglich aufs Neue abgerufen werden kann und die LeserInnen mitprägt.
Man muss schon sehr seine eigenen Grenzen kennen, um zu wissen über was man wirklich schreiben kann. Das gilt meiner Ansicht nach sowohl für Blogger als auch für Journalisten. Eine E. H. wusste sicherlich nicht im Voraus auf was sie sich mit ihrer Proklamation einer neuen Fraulichkeit einliess (Einschub: wer passt eigentlich auf ihre Kinder auf, wenn sie auf Lese Tour ist?). Als AnfangsbloggerIn ist man sicherlich auch erstmal mit der Dynamik des jungen Mediums vielleicht überfordert und muss am eigenen Leib erfahren, was Öffentlichkeit in diesem Zusammenhang bedeutet. Aber von Erwachsenen erwarte ich schlichtweg irgendwann das Akzeptieren der eigenen Grenzen. Von Journalisten das persönliche „sich rausnehmen“ aus einer Sache, wenn ein Thema zur Herzens- und Seelenangelegenheit wird und man auf einem Auge blind wird – von öffentlichen Redner, wenn keine Auseinandersetzung mit berechtigter Kritik stattfindet – und von Bloggern die Beschränkung über das zu Schreiben von dem man zumindest sowas wie eine Ahnung hat…oder bereit ist sich in eine Thema auch mal rein zuarbeiten.
In diesem Sinne gelobe ich nie über Landwirtschaft, Veterinärmedizin, Luxusuhren, Autos, EDV und Computer im weiten Sinne zu schreiben, auch wenn ich schon mal eine Kuh gemolken, einen Hund gestreichelt, von Rolex gehört, eine Auto fahren und einen Rechner bedienen kann….
Wenn ich mir anschaue, welchen Unsinn die meisten “Fachleute” erzählen (und dass dieser Unsinn von den Journalisten kritiklos abgedruckt wird), dann sehe ich eigentlich keinen Grund für diese vornehme Zurückhaltung. Kritisch wird’s erst dann, wenn in der Diskussion die eigene Meinung nicht anhand vorliegender Fakten überprüft wird.
Von: Matthias am März 10, 2010
um 12:23 nachmittags
@ Matthias
Es wäre ja schon nett, wenn die eigene Meinung vor dem Schreiben mal überprüft wird.
Von: Mara am März 10, 2010
um 4:08 nachmittags
@Mara Die eigene Meinung entsteht ja im eigenen Kopf und wird deshalb vor der Publikation so gut überprüft, wie es der Autor für nötig hält oder versteht. Dass es dabei zu “Fehlleistungen” kommen muss, ist meiner Meinung nach völlig klar; niemand ist perfekt, niemand weiss alles, deshalb sind Meinungen ja auch etwas anderes als Fakten.
Spannend wird’s meiner Meinung nach dann, wenn jemand kommentiert und andere Meinungen oder gar Fakten vorbringt. Dann zeigt sich erst, ob der Autor bereit ist, die eigene Meinung anhand neuer Informationen zu überprüfen. Falls er nicht bereit ist, seine Meinung von Fakten beeinflussen zu lassen, kann man den Blog einfach links (oder rechts, je nach politischer Einstellung) liegen lassen und seine Zeit anderen Blogs widmen. Man muss ja nicht alles lesen – und auch nicht alles kommentieren.
Von: Matthias am März 10, 2010
um 4:26 nachmittags
@Matthias
Zu dieser Form der buddhistischen Gelassenheit bin ich leider noch nicht vorgedrunken…seufz.
Von: Mara am März 10, 2010
um 5:53 nachmittags
Es gehört zur Natur der Meinungsfreiheit, dass man sagen darf, was man will.
Solange der Blogger an die Gesetze hält und die Regeln und Konventionen des zwischenmenschlichen Beisammenseins befolgt, kann er schreiben, was er will.
Das Expertenwissen taugt nicht viel. Die Liste der wissenschaftlichen Irrtümer ist ellenlang.
Wie das Wort schon sagt, ist ein bLog ein Tagebuch. In einem Tagebuch hat meiner Meinung nach alles platz, was den Schreibenden bewegt.
Auch als Nichtexperte und Nichtlandwirt, ist man als Steuerzahler, Konsument und Bewohner der Landschaft von der Landwirtschaft betroffen und gestaltet sie mit.
Darum steht es auch dem Nichtlandwirt zu, sich über die Landwirtschaft zu äussern. Leider ist es so, dass sich zu wenig Aussenstehende mit der Landwirtschaft befassen und sich zu ihr äussern.
Zum Beispiel ändern sich alle paar Jahre die lateinischen Bezeichnungen und Zuordnungen der Pflanzen. Die Wissenschaft und Erkenntnis schreitet so schnell voran, dass was heute als Expertenwissen gilt, morgen veraltet und falsch ist.
Es kann nicht schaden, wenn sich auch unbedarfte Menschen zu Fachthemen äussern und diese nicht nur den betriebsblinden Fachidioten überlassen.
Von: antoine am März 10, 2010
um 7:40 nachmittags
@antoine
Dürfen natürlich im Sinne von Meinungsfreiheit- aber auch müssen?
Ich wüsste nicht, welchen Sinn es haben soll, wenn ich meine Meinung zur Haltung von Rindern vom Besten gebe – wenn ich weder eine Ahnung habe davon wie sie heute gehalten werden, noch was die Tiere brauchen – deswegen hab ich zwar eine Meinung aber, mit Kästner zu sagen, sinnvoll ist sie deswegen noch lange nicht.
Es geht ja nicht um Expertenwissen – auch wenn ich persönlich gerade die Expertenblogs bzw. spezialisierten Blogs am meisten schätze. Aber bei sog. Tagebuchblogs/Meinungsblogs handelt es sich eben nicht um ein privates Tagebuch – sondern um eine öffentlich dargestellte Meinung. Da sollte man als Erwachsener schon selber wissen, wozu man was sagt und wo man lieber, wegen Unkenntnis, seine Klappe hält.
Ansonsten kann ich ihre Pauschalkritik an Expertenwissen schlecht nachvollziehen, meines Wissen stürzen die wenigstens Flugzeuge wegen Konstruktionsfehler ab…
Von: Mara am März 10, 2010
um 7:49 nachmittags
Ich habe mich nicht präzise ausgedrückt.
Ich mache einen Unterschied zwischen einem Experten und einem Fachmann (Fachfrau).
Mein Bild des Experten speist sich aus den Massemedien. Experten sind für mich Leute, die komplexes Fachwissen trivialisieren und als allgemeingültige Wahrheit über die Medien unter die Menschen bringen.
Eine Fachperson zeichnet sich meiner Meinung durch Fachwissen und Praxis aus. Mir kämme es nie in den Sinn, dem fachlichen Urteil eines Maschineningenieurs zu widersprechen. Dazu weiss sich selber zu wenig und habe zu grosses Vertrauen ins Ingenieurwesen.
Etwas anderes ist es, wenn ein Experte komplexe Maschinen mit einfachen Vergleichen in einem 400 Wort Artikel erklären will.
Wenn ich so sehe, was auf meinem Fachgebiet Experten in den Massenmedien von sich geben, dann kommen mir Zweifel an der Institution des Experten.
Wenn ich Fachwissen brauche, dann kaufe ich mir ein Fachbuch oder Lexikon und vergeude nicht die Zeit damit im Internet nach Halbwissen zu suchen.
Um einer Fachperson eine fachliche Frage zu stellen, braucht es Fachwissen. Ohne Fachwissen ist die Frage nicht präzise formulierbar.
Darum macht es auch keinen Sinn einen Expertenblog zuführen, denn ausser den Fachleuten, wird dieser niemand verstehen.
Um darüber zuschreiben, dass schottisch Hochlandrinder lustig aussehen und ihr Fleisch besser schmeckt, braucht es keine landwirtschaftliche Ausbildung.
Diese subjektive Information ist ausser für die Fans der schottischen Hochlandrinder nicht relevant, hat aber auch ihre Berechtigung.
Seine Meinung darf jeder kundtun. Egal ob sie für andere Relevant ist oder nicht. Der Vorteil eines Bloges und des Internets gegenüber den herkömmlichen Massenmedien ist, dass jeder tätig werden kann und nicht zum passiven Medienkonsum verdammt ist.
Wenn es so wäre, dass nur relevante Informationen ins Netz gestellt werden dürfen, wer entscheidet darüber, was relevant ist oder nicht?
Von: antoine am März 11, 2010
um 4:20 nachmittags
@antoine
Warum sollten Experten nicht versuchen komplexe Zusammenhänge vereinfacht zu erklären? – die Rezepienten müssen sich halt klar sein, dass dies eine Vereinfachung darstellt. Den von Ihnen dargestellten Unterschied zwischen Experten und Fachpersonen sehe ich nicht.
Ich muss in der Frage des subjektiven Geschmacks und inwieweit das allgemein den so gilt immer an einen Test der Stiftung Warentest vor ein paar Jahren denken – getestet wurde Orangensäfte (frisch gepresst, Direktsaft, aus Konzentrat etc…). Zu meiner Überraschung wurde der billigste und künstlich schmeckendste Saft aus Konzentrat mit Aromazusatz als der wohlschmeckendste gekürt……… Geschmack ist auch Gewohnheit.
Ich habe bewusst das wort sinnvoll gewählt und nicht das Wort relevant. – Und ganz klar die Frage nach der eigenen Grenze gestellt. Natürlich darf jeder, niemand verbietet irgendwas – aber man sollte sich schon manchmal auch die Frage stellen, ob es sein muss….. Von daher empfinde ich Ihre Argumente nicht als eine Gegenposition zu meiner – den sie spiegeln einen anderen Aspekt wieder, den der Vielfalt. Darum geht es aber in der Frage der eigenen Grenzen erkennen gerade nicht.
Von: Mara am März 11, 2010
um 6:36 nachmittags
Nicht einverstanden.
Ich blogge nicht zuletzt, weil ich meine Meinung äussern will. Würde ich mich auf die Themen beschränken, in denen ich mich wirklich sehr gut auskenne, müsste ich Kochrezepte bloggen, Anleitungen zum Putzen einer WC-Schüssel ins Netz stellen, vielleicht noch was übers Unterrichten schreiben, aber nur das Unterrichten der englischen Sprache, weil ich nichts anderes unterrichte und dann noch ein bisschen was übers Schreiben. Ach ja, und Kinder habe ich auch grossgezogen.
Und schon habe ich ein Problem: All diese Dinge habe ich nicht wirklich “richtig” gelernt, sondern ich bin in sie hineingewachsen. Sprich: Ich bin keine Expertin auf diesem Gebiet. Ich habe nur meine ureigenen Erfahrungswerte und anderen Leuten rollte es vielleicht alleine bei dem Gedanken an meine Art, die Dinge anzupacken, die Zehennägel hoch.
Sprich: Nicht mal darüber bin ich eigentlich berechtigt zu schreiben. Denn es ist ja nur der Blickwinkel aus meiner Warte.
Würde ich in mich gehen und meine eigenen Grenzen respektieren, müsste ich mir sagen: Frau Zappadong, halten Sie die Klappe. Denn, im Grunde genommen wissen Sie GAR NICHTS. Sie tun einfach. Hoffentlich das Richtige, vielleicht aber auch das Falsche.
Trotzdem blogge ich. Unbedarft. Laienhaft. Aus meiner Bauchwarte. Niemals mit dem Anspruch oder dem Gefühl, unfehlbar zu sein. Ich erlaube mir, eine Meinung zu haben und die auch ändern zu dürfen. Ich bin sogar frech genug, diese Meinung auch noch ins Internet zu stellen. Ohne die hinterletzte Hintergrundinformation zu haben oder Expertin auf verschiedensten Sachgebieten zu sein.
Wer wissenschaftliche Abhandlungen will, bis auf den letzten Mikromillimeter fundierte Aussagen, der ist bei mir falsch. Dazu gibt es die Experten (die, so wage ich zu behaupten, auch nicht allwissend sind). Dazu gibt es Fachliteratur.
Wer sich nach Zappadong-Hausen verirrt, bekommt Meinungen aufgetischt. Die muss man weder teilen, noch gut finden, noch mögen. Diese Meinungen sind meine ureigenen Meinungen, basierend auf meinem Wissensstand, den ich zum jeweiligen Thema habe. Wenn dieser nicht aussreicht, hat es eine Kommentarfunktion zum Widersprechen, Berichtigen. Oder eine Maustaste, mit der man sich wegklicken kann.
Ich lese praktisch ausschliesslich Blogs von Menschen, die auch ihr Herz und ihren Bauch in ihr Bloggen einschliessen. Die eine Meinung haben – es muss nicht mal meine sein. Heute Morgen habe ich einen Bloggerkollegen “besucht”, der weit von meiner Meinung entfernt ist, aber der seinen mit so viel Herz und Seele ausdruck gegeben hat, dass ich einfach nur fand: WOW. Womit ich beim Schlusspunkt bin: Ich will in Blogs nicht trockene Theorie, sorgfältiges philosophisches Abwägen, politisch korrekte Fragestellungen, sonder das pralle, gefühlte Leben.
Von: zappadong am März 12, 2010
um 7:28 vormittags
@ zappadong
Soll heissen, dass alle die nicht ihren Anspruch/bzw. ihre Art zu schreiben/lesen teilen was sind – ohne Herz und Bauch?
Womit ja an sich schon ein Anspruch formuliert wurde, ein anderer, aber eben ein Anspruch.
Abgesehen davon gehört Abwägen und hinter die Kulissen schauen für mich sehr wohl zum guten Leben – auf den Sack hauen sollte man eher beim Boxen.
Es gibt für meinen Geschmack schon genügen Polemiker im Netz und Ausserhalb, und egal ob sie dies mit Herzblut tun oder nicht, mehr Verstand wäre mir lieber. Stammtischgedröhne sollte dort stattfinden wo sie hingehört -an den Stammtisch, nur dort entfaltet sie nämlich nur eine einigermassen begrenzte Wirkung. Nach dem Bier und beim Verlassen der Beiz sollte das Hirn wieder eingeschaltet werden um zu klären was eigene Befindlichkeiten und Vorurteile sind, und was an dem Gedröhne man sich auch noch traut in 10 Jahren zu wiederholen.
Das macht für mich den Unterschied zwischen Privat und Öffentlich aus, Lernprozess mit eingeschlossen…
Von: Mara am März 12, 2010
um 9:05 vormittags
@Mara.
Zu Punkt 1: Nein, eben nicht. Ich bin für die Vielfalt. Dass jeder aus seinem ureigenen Motiv heraus schreiben soll. Ob das nun absolut fachbezogen ist oder aus dem Bauch. Ich will nicht mal das eine gegen das andere ausspielen, weil beides Platz haben soll. Ich sage nur, dass mir die Bauchschreiber lieber sind (das ist eine ganz persönliche Präferenz, weil ich selber praktisch alle Dinge in meinem Leben nicht mit dem Verstand sondern mit dem Gefühl entschieden habe).
Zu Punkt 2: Wer sagt denn, dass nicht abwägt, wer nachher auf den Sack haut? Vielleicht kommt man ja beim Abwägen zum Schluss, dass es jemand verdient hat, dass ihm die (Gegen)argumente um die Ohren fliegen.
Zu den Polemikern: Wie definieren Sie Polemiker? Mir scheint, heutzutage wird man sehr, sehr schnell zu einem gestempelt.
Und was ist Stammtischgedröhne? Wer definiert das? Ist es schon Stammtischgedröhne, wenn ich mich gottvergessen über abzockende, kriminelle Manager aufrege (ich sitze nie an Stammtischen, aber diesen Zorn teile ich mit den Stammtischbrüdern – wahrscheinlich, weil ich aus der Arbeiterklasse komme, in der man das Gebaren der Abzocker ausbaden darf)?
Mir scheint, heute spricht man schnell mal den Menschen den Verstand ab. Ich wäre da vorsichtiger. Nur weil einer poltert, heisst das noch lange nicht, dass er sich nicht sehr lange / ausführlich mit der Materie auseinandergesetzt hat. Und nur weil einer vornehm gewählte Worte von sich gibt und sich staatstragend aufführt, heisst das noch lange nicht, dass er die Weisheit mit den Löffeln gefressen hat.
Zum Dröhnen: Ich habe immer “gedröhnt”. In jungen Jahren noch viel heftiger als heute. Manches sehe ich heute differenziertes, einiges sogar total anders und würde es NIE wiederholen. Aber: Ich bereue die Worte von damals nicht (auch wenn ich sie nicht mehr wiederholen würde). Sie entsprachen meiner ureigenen Überzeugung und ich kann heute gut dazu stehen, dass ich damals diese Überzeugungen hatte.
Ich komme aus einer Familie, in der man immer für seine Überzeugung einstand (Sie sollten mal meine Brüder an Gemeindeversammlungen hören!). Wir haben gelernt, unsere Meinungen zu vertreten. Für sie hinzustehen. Um bei Gelegenheit auch mal gesenkelt (=ziemlich harsch eines besseren belehrt zu werden).
Mir gefällt die öffentliche Auseinandersetzung mit Themen, sie gehört für mich zum Meinungsbildungsprozess. Ich würde eine Öffentlichkeit, in der all das nicht mehr möglich ist, als kalt und theoretisch empfinden.
Noch ein Aspekt: Wir können uns öffentlich auch alle wunderbar wohlgesittet, besonnen, vernünftig betragen … aber das wäre Fassade. Denn Menschen sind nun mal, wie sie sind. Es würde dann halt einfach unter der Oberfläche brodeln. Ob das besser wäre?
Von: zappadong am März 12, 2010
um 12:11 nachmittags
Weil man, wenn man auf den Sack haut, gerade nicht abgewägt hat – niemand ist nur schuld, nur Täter, nur Opfer.
Argumente hat jeder verdient, aber eben auch in einem angemessenen Tonfall.
Polemik: scharf, unsachlich, streitbar, streitlustig, rethorisch angreifend, zynisch , sarkastisch, rede, kritisch (Synonymwörterbuch)
Das Gebaren der Abzocker dürfen alle ausbaden, nicht nur Arbeiter und deren Abkömmlinge. – Aber auch Arbeiter haben sich vorher von hohen Renditen anlocken lassen und waren geil auf 10 %. Vielleicht sollte man sich auch mal an dem Stammtisch über die eigene Rolle dabei unterhalten.
Auch abwägend langsam findet ein Meinungsbildungsprozess statt, nur weil man sich vorher mal über die Hintergründe eines Themas erkundigt hat ist doch ein Meinungsbildungsprozess nicht abgebrochen – im Gegenteil, dann findet er erst richtig statt. Am Schluss ist es ja meist eine Bauchentscheidung für welche Seite man einsteht und welche Argumente von wem man überzeugend findet, weil man eben nicht zu jeden Thema unendlich viele Argumente einholen kann – aber die Meinungsbildung findet auf einen anderem Niveau und Level statt.
Vielleicht ein Beispiel, jeder kann über Israel schreiben, aber vielleicht wäre es sinnvoll bevor man irgendwelche Tiraden von sich lässt mal ein paar Worte über das Entstehen des Konfliktes sich anzulesen?
Man mag es bürgerlich spiessig nennen, der öffentliche Diskussionsraum ist für mich der Raum der Vernunft und der Besonnenheit, gerade gegenüber Menschen die man weniger gut kennt. (Kunstformen mal ausgenommen – schliesslich geht es da um die Abstrahierung auch der Emotionen….) Um persönliche Emotionen über ein Thema rauszulassen ist für mich der private Raum da, da wissen die Personen die mich umgeben wie sie es einzuschätzen wissen und es besteht nicht die Gefahr andere damit zu verletzen.
Von: Mara am März 12, 2010
um 2:17 nachmittags
Zu den Arbeitern: Kein einziger Arbeiter, den ich kenne, hatte Aktien war scharf auf eine 10 Prozent Rendite – dazu sind jene Arbeiter, die ich kenne, viel zu vernünftig. Das bisschen Geld, das sie haben, haben sie dem Aktiencasino nie anvertraut. Dafür durften die Arbeiter erleben, wie von Kunden Preise gedrückt wurden und ihr Chef manchmal Aufträge annehmen musste, bei denen er drauflegte (und er legte drauf, weil er die Arbeiter behalten wollte). Und wenn es dann nicht mehr ging, machte die Bude pleite. Es gibt bei uns Arbeiter ohne anständige Arbeitsverträge. Sie arbeiten dann, wenn der Arbeitgeber sie braucht und werden auch nur dann bezahlt. Unter anderem weil der Arbeitgeber gar nicht weiss, wie er einen Festangestellten bezahlen soll, wenn ihm die Aufträge nur spärlich ins Haus flattern.
Polemik: Nun, wenn das die Definition ist, dann ist Frau Zappadong ab und zu polemisch.
Ich verstehe, wenn jemand persönliche Emotionen nur im privaten Rahmen rauslassen wollen, stelle aber nicht den Anspruch, dass es alle so tun sollten oder müssten. Wie gesagt, ich lese am liebsten die Blogeinträge, bei denen ich Emotionen spüre.
Von: zappadong am März 12, 2010
um 6:54 nachmittags
@ zappadong
Bei den Vermögen in der Schweiz zwischen 0 und 100 T sind ca 10 % Aktienbesitz, neben Lebensversicherungen u.ähnlichem – eine extrem hohe Zahl. Dass insofern die ganze Schweizer Arbeiterschaft auf Prosperität durch Aktienbesitz verzichtet hat, kann so nicht ganz stimmen.
Stimmt, solche “Arbeitsverhältnisse” sind in manchen Branchen ganz besonders beliebt – aber eben nicht nur weil es einzelnen Unternehmen so schlecht geht, sondern weil gerade im gering qualitizierten Bereich es sich um ein Angebotsmarkt handelt – derjenige der Arbeit anbietet bestimmt die Bedingungen. Besonders beliebt sind die Spiele mit ausländischen AN aus Afrika.
Von: Mara am März 17, 2010
um 9:21 vormittags
Was mir als Blogger fehlt und was ich als Journalist habe: ich bin es selber der auf “send” drückt. Reiche ich einen Text einer Redaktion ein, so wird mindestens ein Mensch nochmals “darüber” gehen. Bei einigen Texten musste ich mich auch schon juristisch absichern. Für mich ist das die Essenz meines “Schweizerseins”, dafür habe ich Militärdienst geleistet und mich emotional mit dem Töten von Menschen beschäftigt: damit auf der Welt ein Ort sein kann, an dem das freie Wort möglich ist. Und es war für mich in der “Beiz” eine interessante Erfahrung zu sehen, dass obwohl alle immer sich “offen und modern” geben, die Kampflinie in der “beiz 2.0″ oftmals entlang nationaler Angehörigkeiten verlief. Die Deutlichkeit dieses Phänomens hat mich ehrlich gesagt überrascht. Es gibt unterschiedliche “Diskursdramaturgien” auch wenn alle Teilnehmer Deutsch sprechen oder schreiben gibt es für mich deutlich eine “schweizerische Diskursdramaturgie”. Und ja, sie ist etwas, was mir sehr am Herzen liegt.
Von: uertner am März 19, 2010
um 9:58 nachmittags
@uertner
Ab wann ist ein/e SchweizerIn eine SchweizerIn? und was ist dann BB, Frau Müller und v. Relax? Ausserdem isses immer sehr nett, je nach belieben in irgendeine Tüte eingepackt zu werden – ich werde das nächste mal ihr Testemonial gerne verwenden.
Sie machen es sich zu einfach, Herr uertner, alles immer auf die Nationalitätenfrage zu reduzieren, insbesondere wenn sie diesselbe auch ständig durcheinanderbringen. Allerdings enthebt einen das der Lästigkeit sich mit Argumenten auseinanderzusetzen – wohl ein netter kleiner Nebeneffekt.
Von: Mara am März 20, 2010
um 8:28 nachmittags
Ich kann für mich die hier getroffene Unterscheidung zwischen “Öffentlich” und “Privat” nicht machen. Für mich ist die Aussage am Stammtisch sehr wohl öffentlich. Im Grunde hinterlasse ich mit jeder Aussage in meinem Alltag Wirkung. Ich verbreite meine Stimmung weiter. Einfach alles. Genau so, wie wir in unserem Befinden und in unseren Meinungen beeinflusst werden, so tun wir es selbst auch. Und die Angewohnheit, das, was man sagt, vorher bei sich näher zu untersuchen, sollte für Stammtische, Blogs und Familientische im Allgemeinen wohl häufiger gelten – und bei sensiblen, eher introvertierten Menschen eben umgekehrt eher weniger.
Die Frage: Sage ich etwas und warum sage ich was wie? – sie soll gar nichts an lebhafter Diskussion ausschließen oder einschränken, und sowohl Rhetorik wie Bauchgefühl dürfen bewusst unbewusst vorkommen. Matthias hat es zu Anfang schön gesagt: Es ist interessant, zu sehen, wie Diskussionsteilnehmer Einwürfe aufnehmen. Ob sie diskutieren und damit auch zuhören.
Grundsätzlich gilt doch: Der offene Diskurs, die engagierte Rede, die ehrliche Betroffenheit und Sorge – das alles gehört durchaus gesagt. Und ernst genommen. Manche Sorge und Angst kann vielleicht gerade von Menschen, die diese Unruhe verspüren, WEIL sie eben etwas nicht gut verstehen, sehr sinnvoll dargebracht werden. Und die so genannten Experten und Fachleuten beweisen dann ihren Wert in der Art, wie sie solche Dinge aufnehmen und richtig stellen oder erklären – oder eben nicht.
Von: Thinkabout am März 25, 2010
um 8:50 nachmittags
@thinkabout
Nur zwei Aspekte:
Zum ersten meinst du nicht auch, dass das was BR Leuenberger in seinem Block schreibt eine breitere Wirkung hat als das daheim gesagte am Küchentisch?
Zum Zweiten bin ich bei der auch hier oft dargelegten Expertenskepsis doch sehr vorsichtig ob Fachwissen in solchen Diskussionen, bei denen doch schon mal der Bauch vorherrscht, wirklich noch gehört finden können – egal wie sie dargebracht werden. Mir scheint wie ich auch bei v.Relax neulich schrieb die Wahrscheinlichkeit doch grösser, dass bei Gegenwind im Zweifel eine neue Plattform gesucht wird, bei der man sich dann “verstandener” fühlt.
Von: Mara am März 28, 2010
um 5:36 nachmittags
Zum Zweiten: Ja, ich verlasse ab und zu eine Plattform. Aber nicht in erster Linie, weil die Leute dort eine andere Meinung haben, sondern jeweils dann, wenn ich finde, wir reden nur noch aneinander vorbei (wie in der Beiz 2.0, wo es langsam wirklich bemühend wurde …).
Ich wage zu behaupten, dass auch dort, wo schon mal der Bauch vorherrscht, ein Experte mit guten Argumenten gehört wird. Nur: Die Argumente müssen dann halt schon gut sein und Sinn ergeben. Ich nehme mal die Finanzkrise – wo man mir sehr viel Bauch unterstellt. Was praktisch niemand weiss (wusste): Herr Zappadong arbeitet mitten drin in diesem Wahnsinn; sprich, ich bekomme sehr vieles sehr direkt mit. Und ja, doch, ich liebe ihn, meinen Herrn Zappadong, auch wenn er in der Finanzbranche arbeitet, gegen deren Auswüchse ich mit sehr viel Wut im Bauch anschreibe. Das ist es doch, was das Leben spannend macht: Diese Reibungspunkte. Diese Gefühlsebene, nebst der rationalen Ebene. Ich kann nur auf einer Ebene wachsen und etwas mitnehmen, wo ich auch Gefühle vermittelt bekomme – und nicht nur sachliches, wohl überlegtes, nach allen Seiten abgewogenes Fachwissen.
Zur gleichen Meinung: Ich tummle mich mit Vergnügen und sehr viel Respekt auf Plattformen, wo politische Meinungen vertreten werden, die ich NIE teilen werde. Es sind aber – witzigerweise – wieder Blogs hinter denen Menschen mit viel Persönlichkeit und halt auch einer Portion Bauchgefühlt (nebst Intelligenz) schreiben. Womit ich beim persönlichen Fazit bin: Es ist einfach so, dass ich mich dort, wo auch Gefühle, hitzige Voten, ja sogar Irrtümer möglich sind, mich so richtig wohl fühle. Das ist irgendwie wie in einem alten Haus wohnen statt in der durchgestylten Neubauwohnung, wo alles bis aufs i-Tüpfli zusammenpasst.
Von: zappadong am April 7, 2010
um 6:44 nachmittags
@zappadong
Argumente sollten immer gut sein, sonst macht es ja von vornherein keinen Sinn – egal ob sie die emotionale oder die rationale Ebene betreffen. Und in erster Linie sollten sie sich an den Fakten messen lassen können – egal ob sie emotionaler Natur oder sachlicher Natur sind.
Ich hab die Erfahrung gemacht, dass man in erster Linie dann aneinandervorbeidiskutiert, wenn jeder auf seiner Ebene besteht und nur dort diskutieren will – z.b. nur über Ängste, oder nur über die Sachebene und die emotionale Ebene aussparen möchte. Aber dazu gehören dann halt schon beide Parteien die unterschiedlichen Ebenen auch erstmal zu sehen und zu akzeptieren.
Von: Mara am April 11, 2010
um 5:25 nachmittags