Verfasst von: Mara | April 27, 2009

Leserbrief zum Artikel „Vom erodierenden Reiz der Folgsamkeit in Deutschland“ von Ulrich Schmid am 23.April 2009

Nachdem abgedruckte Leserbriefe der NZZ nicht online gestellt werden, erlaube ich mir meinen eigenen, der in der letzten Samstagsausgabe ein paar Zeilen füllen durfe, halt hier zu bringen:

Seltsam erstaunt musste ich feststellen, dass bei Ihnen bereits auf der Seite „International“ die Ironie eingezogen ist. Kann ich mir doch anders  Sätze wie „Kritik am Kapitalismus  (ist) immer auch Kritik an  der Freiheit…“  kaum erklären –  Um anschliessend noch  verkündet zu bekommen alle Laien sollten sich wegen „unbedarft“-Heit doch lieber aus Diskussionen  zurückziehen. Also sollen gefälligst nur noch Experten und Informierte diskutieren – und selbstverständlich nur Liberale über Wirtschaftsfragen? So sehr man auch Anhänger einer liberalen kapitalistischen Wirtschaftsordnung ist – Kritik von wem auch immer hat nie geschadet – Expertenüberheblichkeit, und nicht nur die aus Brüssel, schon.

Warum auch gerade jemand aus dem Land der Waschkellerordnungen sich süffisant über die „kleinen Folgsamkeiten Im Alltag“  auslässt,  erschliesst sich mir nun gar nicht. Gerade hier sind wir  doch stolz, dass Regeln auch ohne ständige  Überwachung  eingehalten werden können – und man empört sich über mangelnde Sorgfältigkeit im Umgang mit Allgemeingut.

Auch bei der Frage inwieweit Volksabstimmungen im grossen Nachbarkanton angeblich langsam im Kommen seien, scheint man gerne mal 20 Jahre aus dem Gedächtnis, und somit aus der Recherchepflicht, zu tilgen. So hat eine Volksinitiative  „Mehr Demokratie wagen“  in Bayern es bereits Mitte der 80-er Jahre geschafft die Hürden für Plebiszite zu verringern.

Und glaubt man wirklich, dass die Jahrzehnte der unterschiedlichen Staatssysteme schon so weit überwunden wurden, dass selbstverständlich beide Bevölkerungsteile schon völlig gleich auf Brüssel und co reagieren?

Auch wenn man in manchen Punkten und Analysen gerne zustimmen möchte, ab und zu mal herzlich lachen konnte, solche,  doch in erster Linie polemische und oberflächliche Kritiken tragen weniger zum Verständnis  des Nachbarn bei, als so manch absichtliche  Satire.

Aber ich bin ja wahrlich nicht die Einzige, die sich über den unsehligen Artikel aufgeregt hat. In der Hausbeiz dazu mehr.

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Responses

  1. Ich habe mich schon deslängeren gefragt, warum die NZZ bei dieser Anti-Steinbrück-Kampagne der Schweizer Boulevard-Medien so freudig mitmacht, die doch eigentlich unter ihrem Niveau wäre.
    Könnte das auch etwas mit Wahlkampf zu tun haben und damit, dass man die NZZ-lesenden, wohl eher besserverdienenden und bürgerlich-tendierenden Deutschen im HInblick auf die Wahlen beeinflussen möchte, indem man SPD-Mann Steinbrück gezielt diffamiert?
    Oder geht da jetzt die Phantasie mit mir durch?

  2. @flashfrgg

    Na ich denke schon, dass man konstatieren muss, dass der Artikel von oben eigentlich ursprünglich eine Rede war – und damit per se eher ein wenig plakativ und zum anderen die Stimmung im Saal aufnehmen muss.

    – und zum anderen ist das Bankengeheimnis auch schlicht und ergreifend ein Standortvorteil, den aufzugeben fällt einfach schwer. Da beisst sich der liberale Geist, dass jedes Volk seines Glückes Schmied ist, mit einer zunehmenden Verknüpfung der Staaten – es fällt glaub einem sehr schwer hier anzuerkennen, dass auch die Schweiz nicht mehr lösgelöst von internationelen Standarts agieren kann – Völksouveränität hin oder her. Da geht es ans Eingemachte.

  3. ich beobachte die Sache ja quasi von aussen. Und es erstaunt mich sehr, was da für eine gigantische Hetzkampagne hochgekocht wurde in den Schweizer Medien – und zwar nur in den Schweizer Medien. In Deutschland wüsste wahrscheinlich die Häfte der Bevölkerung nichtmal spontan zu sagen, wie der deutsche Finanzminister heisst – Steinmeier? Beckstein? Achnee, das war doch dieser Peter Brückstein, oder?)

    Was da in der Schweiz gerade für ein Hass entsteht oder ans Tageslicht kommt, das erschüttert mich. Es erschüttert mich, dass die Vorurteile inzwischen so fest in den Köpfen zementiert zu sein scheinen, dass die Realität überhaupt nicht mehr zählt.

    Wenn es tatsächlich so ist wie Steinbrück sagt, dass er lediglich ein bisschen Amtshilfe bei der Überfühung bestimmter namentlich bekannter mutmasslicher deutscher Straftäter will, dann ist diese Aufregung doch überhaupt nicht zu verstehen.
    Und „Indianer“ hat er die Schweizer offenbar auch gar nie genannt.

    Aber wozu sich die Mühe machen, Steinbrück selber anzuhören, wenn man so schöne Vorurteile hat? Wozu dem Angeklagten eine Chance geben, sich zu verteidigen, wenn die Ankläger doch schon alles gesagt haben was man hören will?

  4. wie gesagt, ich glaub nicht, dass es um Steinbrück oder co geht – sondern um die Angst, nicht mehr selbstbestimmt die eigenen Regeln leben zu können – warum sonst ist man so spät der UNO beigetreten? Die nächste Runde der Angst wird kommen, wenn die Minarettinitiative wirklich sich durchsetzen kann – dann hat man nämlich das nächste Problem mit internationalem Recht.

  5. Mir macht es aus der Aussenperspektive gesehen jedenfalls Angst, wie leicht es offenbar möglich ist, einen Menschen in den Medien derart zu einer Hassfigur aufzubauen.
    Es wird ja fast gar nicht über das „was“ geredet, nur über das „wie“. Ich würde das Thema wenigstens in der Beiz gern einfach auf die sachliche Ebene zurückbringen. Sind ja normalerweise alles sehr medienkritische Menschen dort. Es scheint nicht zu verfangen.

    Wir leben in einer globalisierten Welt, und gerade in der Krise ist der Druck stärker geworden, internationale Regelungen zu schaffen, gerade, was die internationalen Kapitalflüsse betrifft.

  6. Augenscheinlich sehen wir die Dinge aus vollkommen unterschiedlicher Perspektive. Und aus meiner Perspektive ist mir die Ihrige komplett unverständlich.
    Anti-Steinbrück-Kampagne? Das ist für mich eine Anti-Schweiz-Kampagne seitens Deutschlands respektive Steinbrücks und seiner SPD.

    «Was da in der Schweiz gerade für ein Hass entsteht oder ans Tageslicht kommt, das erschüttert mich.»
    Was glauben denn Sie, wie es mir reinkommt, wenn Müntefering sagt, «früher hätte man Soldaten dorthin geschickt»? Und nicht nur mir und den Schweizern kommt das schräg rein. Auch den Luxemburgern.

    «…dann ist diese Aufregung doch überhaupt nicht zu verstehen.»
    Es ist diese ungeheuere Arroganz und Selbstgefälligkeit eines Steinbrücks, die ich (und die Schweizer und die Luxemburger) nicht goutieren. «Wir stehen nicht unter deutschem oder französischem Kommando, sondern tun das, was wir für richtig halten», sagte Juncker, der dienstälteste Regierungschef der EU. «Wir lassen uns nicht hetzen. Uns in die Enge treiben zu wollen, ist deutsche Kraftmeierei, die ich mir strikt verbitte!» Was ist daran so schwierig zu verstehen?

    Auch den Deutschen kann doch nicht entgangen sein, dass sich Steinbrück absolut inakzeptabel verhält?

    @ Mara: Haben Sie schon mal daran gedacht, so einen Kommentar-Dings einzuführen? Dies würde es mir sehr erleichtern, den hier doch immer sehr interessanten Diskussion zu folgen. Zumal ich nur durch Zufall entdeckt habe, dass auf Ihren Artikel vom 27. April dann am 29. April ein Kommentar eingegangen ist.

  7. @ Frau Müller

    Done..

    @all
    Wenn man mal Wahlkampf in Deutschland miterlebt hat, dann weiss man, dass diese Art von Aussagen nicht unbedingt Untypisch sind – und man sie wie flashfrog andeutet, auch nicht besonders ernst nimmt. Und das ist das wirklich fatale an der Situation, dass diesmal Wahlkampf nicht nur auf Kosten der Mitbewerber betrieben wird, an deren Verleumdung und Abwatschen hat man sich fast schon gewöhnt, sondern auf Kosten von Nachbarländern…. Ich glaube da ist Herr Steinbrück über seine eigenen Füssen gestolpert, ohne zu wissen was er wirklich tut – den von der Aussenpolitik hat man ihn bisher weit weghalten können.
    Aber Wahlkampf kann nicht entschuldigen — und ich denke auch, dass er sehr viel unnötiges Porzelan zerschlagen hat.

    Nichtsdestotrotz wundert es mich schon, warum ausgerechnet jetzt die Schweizer und Liechtensteiner darauf so konsterniert wirken – anschuldigungen der oberen Art gab es schon früher – aber nie haben deswegen die Wellen so hoch geschlagen. Man wagt eben nicht den Blick auf sich selbst dabei – und wagt kaum die eigenen Emotionen dabei zu hinterfragen.

  8. @ Mara: Haben Sie vielen Dank! Da sieht man doch gleich, was hier los ist.

    Ich reflektiere meine Emotionen durchaus, halte diese aber einfach für eine natürliche Reaktion auf arrogantes Gehabe. Und ich gehe davon aus, dass es auch den anderen so ergeht. Mit einer bestimmten Nationalität hat das nichts zu tun.

    Den Restschweizern geht es übrigens ähnlich mit den Zürchern. Mit meiner Zürischnurre und meinem Züritussi-Getue mache ich mich in der Provinz extrem unbeliebt. Die Zürcher Arroganz, den eigenen Standpunkt ganz selbstverständlich als den schweizerischen zu sehen, ruft bei 25 von 26 Kantonen immer wieder zu heftigen Anti-Zürcher-Reaktionen. Ja, es gibt sogar den Anti-Züri-Reflex. Aber unter uns gesagt: Who cares? 😉

    Wenn ich allerdings politisch etwas erreichen und Goodwill für meine Anliegen schaffen wollte, dann muss ich auf diese Befindlichkeiten eingehen. Das hat mit Erfolgsintelligenz zu tun. Die Fähigkeit, Impulse zu kontrollieren und Lösungen durch klug gewählte Wege zu realisieren.
    Wenn ich im Bernischen so auftreten würde wie Steinbrück gegenüber der Schweiz und Luxemburg, dann bräuchte ich mich gewiss nicht zu wundern, wenn ich mein Ziel nicht erreiche und ich der typisch zürcherischen Arroganz geziehen würde.
    Aber wahrscheinlich würde ich als arrogante Zürcherin auch bloss den Kopf schütteln über diesen Zwergenaufstand in der Provinz.

  9. @ Frau Müller

    Ich fürchte ich habe mich ein wenig ungenau ausgedrückt. Der Reflex auf arrogantes Gehabe, missverstimmt zu sein, ist sicherlich natürlich und normal- die Frage ist ein bisschen das Mass der Aufregung. Man hätte zu Steinbrück einfach sagen können – Wahlkampf und ungeschickt – aber das geschieht gerade nicht…

    Der Gedanke, dass gerade die Empfindlichkeit der Unabhängigkeit von anderen Staaten getroffen wird, habe ich bisher kaum gelesen. Dabei ist es meiner Ansicht nach der Kern der Aufregung. Die Schweiz hat eben nur noch die Wahl zwischen wirtschaftlicher Isolierung und Inseldenken – und dem Akzeptieren von internationalen Standarts. Dass diese Standarts, zb. OECD, nicht immer glücklich zustandekommen – oder wie jetzt in Genf Erklärungen alles andere als unseren Wünschen entspricht, verstärkt die Angst nur noch mal. Man will mit mitspielen, und sieht gleichzeitig die eigenen Machtlosigkeit im Weltenpuzzle.

  10. >> Augenscheinlich sehen wir die Dinge aus vollkommen unterschiedlicher Perspektive.

    @Frau Müller: Augenscheinlich.
    Ich versuche einmal, die verschiedenen Verstimmungs-Ebenen auseinanderzupflücken:

    1. Die Ausdrucksweise. Wie das Indianerzitat in die Schweizer Medien gelangte, wie da Unwahrheiten nachgeplappert wurden und warum das eigentlich ein Medienskandal wäre, dazu habe ich drüben in der Beiz etwas geschrieben:
    http://beizzweinull.wordpress.com/2009/04/28/steinbeuck-wahres-gesicht/#comment-847
    Einig bin ich mit Ihnen, dass solche missverständlichen Aussagen zumindest sehr unglücklich sind und einer Richtigstellung und Entschuldigung bedürfen.
    Steinbrück ist auch in D dafür bekannt, dass er desöfteren Sprüche raushaut, ohne vorher nachzudenken. Das kommt auch in D nicht gut an.

    2. Ebene: Der Inhalt: Was genau will Steinbrück? Wenn er Amtshilfe bei der Aufdeckung einer in D als Straftat geltenden Steuerhinterziehung haben möchte, und zwar nur inEinzelfällen, in denen hinreichende Indizien für diese Straftat vorliegen, dann finde ich sein Anliegen durchaus legitim.
    Uneins sind sich Deutsche und Schweizer in der Bewertung der Steuerhinterziehung: In Deutschland eine Straftat, din der Schweiz ein Kavaliersdelikt und Privatsache.

    3. Ebene: Einmischung. Viele Schweizer betrachten Steinbrücks Anliegen offenbar als Einmisschung in die inneren Angelegenheiten ihres Landes. Dass sie sich dagegen wehren ist nachvollziehbar.
    In Deutschland sieht man das wohl ein bisschen anders: Wir haben jahrzehntelange EU-Erfahrung. Da mischen sich praktisch dauernd alle in die Angelegenheiten aller. Die Deutschen sind es gewöhnt, dass sich die Politiker da mitunter zanken wie die Kesselflicker, und man nimmt solche Verbalmeierei, wie Mara schon sagte, nicht besonders ernst. Gerade haben wir EU-Wahlkampf. Da sind die Politiker der verschiedenen EU-Länder natürlich zusätzlich motiviert, sich zu profilieren als diejenigen, die die Interssen ihres Landes am stärksten vertreten.
    Die Schweizer Politiker sind diesen EU-Fight-Club wohl einfach nicht gewöhnt und reagieren deswegen ein vielleicht bisschen verschreckt auf das Getöse.
    Steinbrücks „Fleet in being“ liesse sich auch übersetzen mit: „Der tut nix, der will nur spielen.“ 🙂

    4. Die Medien: Die Schweizer Medien haben da meiner Meinung nach wirklich einiges aufgeblasen, was nicht hätte sein müssen. Die Gehässigkeit mancher Schlagzeilen in den Gratisblättchen fand ich ehrlichgesagt mindestens ähnlich unerträglich wie die verbale Kraftmeierei mancher deutscher Politiker.
    Ich hätte mir eine sachlichere Diskussion gewünscht.
    Der Luxemburger Juncker hat meines Erachtens brillant reagiert: Selbstbewusst, sachlich, höflich, aber bestimmt. Klare Ansage. Das kommt auch in Deutschland gut an.

    Ich finde es auch sehr schade, dass durch diese Sache so viel Porzellan zwischen an sich guten Nachbarn zerschlagen wurde.


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